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“Alle Rundfunkteilnehmer kennen das Rundfunkfieber aus eigener Erfahrung! – Es ist eine verhältnismäßig harmlose, meist gutartig verlaufende Krankheit. Verursacht wird sie durch Empfangsgeräte jeglicher Art. Mit Detektorempfang wird sie am schnellsten überwunden. Bei Röhrenempfängern kann sich das Fieber aber bis zur Siedehitze und Tollwut steigern. Proportional mit der Anzahl der erreichbaren Sender kann es ungeheure Dimensionen annehmen. Der Verlauf hängt ganz von der Güte des Empfanges ab und bildet eine Funktion zum Funktionieren des Apparates.
Bei ungestörten und glänzenden Empfangsresultaten fühlt sich der Patient trotz stärkster Fieberanfälle äußerst wohl und zufrieden. Er gerät geradezu in himmlische Verzückungen und schwebt in höheren Regionen. Dem irdischen Dasein völlig entrückt, vergißt er Essen und Trinken, Schlaf ist ihm Nebensache, Zeit und Raum überwundener Standpunkt, seine Begeisterung ist grenzenlos. Übermenschliches Glück strahlt auf seinem Antlitz. Er lebt nur noch dem Rundfunk. Für nichts sonst hat er mehr Interesse. Die Welt kann zittern und beben, er merkt es nicht. Er sitzt an seinem Apparat und horcht und lauscht auf jedes Geräusch, auf jeden Ton, auf alle Sendungen. Unermüdlich dreht und schaltet er und kann sich nicht satt hören an der herrlichen Musik, an den neuesten Nachrichten, an jedem Wort, das dem Wellenbereich 150-4000 m entströmt. Alle seine Sinne sind befangen vom Rundfunk. Erst allmählich wird er wieder Herr über seine Nerven, findet sich wieder zurück in den Alltag. Die Überfülle der auf ihn einstürmenden Erlebnisse wird langsam schwächer in ihrer Wirkung. Die aufs höchste gesteigerte Aufregung legt sich nach und nach. Körper und Geist fangen wieder an sich zu beruhigen. Sie finden ihr Gleichgewicht wieder. Es tritt Gewöhnung ein. Die Krise ist überstanden. Das Fieber läßt nach und macht einem gesunden Kunstgenuß Platz, einer verständigen Nutznießung. Der Rundfunkempfang wird zur unentbehrlichen Notwendigkeit.
Wohl dem, der die Krankheit auf diese Art gut überstanden. Die Heilung macht ihn zu einem dankbaren Hörer. Leider sind aber auch oft Abweichungen und Komplikationen festzustellen. Dies ist meist dann der Fall, wenn die Sache nicht klappen will. Dann ist Holland in Not, und die Fieberkurve weist die krassesten Sprünge auf. Wehe, wenn mitten im schönsten Empfang plötzlich eine jähe Unterbrechung eintritt und der frischgebackene Neuling sich nicht zu helfen weiß. Schweiß tritt auf seine Stirn, zitternd und bebend vor Ungeduld und Ärger tasten die hastenden Hände über Stecker und Knöpfe hinweg. Es geht einfach nicht. Geduld wird auf harte Proben gestellt und endet nicht selten in wüsten Vulkanausbrüchen, denen der Apparat zum Opfer fällt. Schuld daran ist meist die überstürzende Ungeduld und ahnungslose Unkenntnis des voreiligen Anfängers. Und doch wäre es ein leichtes für ihn, sich all diesen unnützen Verdruß zu ersparen, wenn er sich einem guten Bekannten anvertrauen oder sich zuvor die allereinfachste Sachkenntnis aneignen wollte. Besonders nervös veranlagten Naturen ist vor solchem Probieren und Versuchen auf eigene Faust und aufs Geratewohl dringend abzuraten. Sie verderben sich dadurch nur die Freude am Rundfunk.
Wie der Kranke des Arztes bedarf, so kann ein der Rundfunktechnik Unerfahrener der ersten Anleitung nicht entbehren und soll sich im eigensten Interesse an den richtigen Führer wenden. Wer seinen Apparat gut behandelt und sich bemüht, ihn kennenzulernen, wird schnell über das Rundfunkfieber hinwegkommen und viel Freude und Vergnügen am Rundfunk erleben!”
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Hohe Ansteckungsgefahr für Kinder
(Quelle: Der Deutsche Rundfunk, Heft 21/1928) |
RST 03.12.2009
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