Zeitzeugen: Lautsprecher-Krieg. Persönliche Erinnerungen von Rainer Steinführ

ich4.jpgEin tiefer Einschnitt in das Leben der Deutschen war der Mauerbau am 13. August 1961. Insbesondere in Berlin waren Alle direkt oder indirekt davon betroffen. Meine folgende Schilderung ist natürlich rein subjektiv aus Sicht eines damaligen "Westberliners" zu sehen. Ich selbst war zu dieser Zeit Schüler und lebte im Bezirk Gesundbrunnen. Die Wohnung befand sich ca. 350 Meter von der "Mauer" entfernt. Meine Schule grenzte sogar in der Bernauer Str. direkt an den Ostsektor von Berlin. Als meine Mutter am frühen Sonntag-Morgen das Radio (Siemens SB 460 GW) einschaltete, wir Westberliner hörten damals selbstverständlich den RIAS, trauten wir unseren Ohren nicht: An den Bezirksgrenzen zu Ostberlin und das Umland wurde Stacheldraht gezogen! Man konnte nicht mehr "rüber".  Schnell gefrühstückt und dann die wenigen Meter zur Bernauer Straße. Ja, es stimmte. Betriebskampfgruppen und weitere Uniformierte waren dabei, Stacheldraht-Rollen zu ziehen und den Straßenbelag aufzureissen.

 

Meiner Erinnerung nach waren in diesen Tagen in Berlin gerade Schulferien. Für mich Schüler war das alles auch natürlich spannend, ich erkannte nur bedingt die wirklichen Konsequezen auch für meine Zukunft. Mit meinen Fahrrad war ich in den nächsten Tagen und Wochen ständig an der Grenze unterwegs. Meine Großeltern lebten 1961 in einem eigenen Zweifamilienhaus in Berlin-Wittenau. Auch dort waren es nur einige Hundert Meter zur Grenze nach Berlin Rosenthal.

 

mini-boy.jpgDer RIAS begleitete mich auf meinen "Exeditionen" ständig, da ich immer das kleine Taschenradio meines Vaters, den Grundig Mini-Boy dabei hatte. Auf diese Art "bestreifte" ich den gesamten Bereich Gesundbrunnen - Bernauer Straße, Bornholmer Straße (wo später die erste Maueröffnung stattfand), Wollankstraße, S-Bahnhof Schönholz, S-Bahnhof Wilhemsruh, Borsigwerke, Wittenau - Wilhelmsruher Damm.

 

Auf diese Art war ich dabei, als der NVA-Soldat Conrad Schumann an der Bernauer Str. über den Stacheldraht sprang. Auch als Oma Ida Siekmann aus einem Fenster in der Bernauer Str. herabgelassen wurde, dabei aber die letzten Meter stürzte. Weiter stand ich nur wenige Meter von der Stelle des Stacheldraht-Zaun entfernt (zwischen Schönholz und Wilhelmsruh), wo eine kleine Gruppe von Leuten plötzlich durch diesen Zaun rannten, eine Frau verfing sich in den Zaun, kam dann aber doch durch. Diese Szenen sind durch die Weltpresse gegangen, ich habe es direkt gesehen und erlebt.

 

Schon bald begann die Eskalation der Lage an der Grenze. Tränen- und Nebelgas war das erste  Mittel der Wahl seitens der "Organe" der DDR. Immer dort war der RIAS-Reporter oder der Reporter der Zeitschrift "Stern", der Berliner Morgenpost oder der BZ, usw.  an der Grenze zum Photographieren unterwegs waren, flogen die Tränengas-Patronen. Wir westberliner Schüler warfen diese Patronen gern zurück, was zu einer wütenden weiteren Kanonade von Patronen führte.

 

Da sich die Lage ständig änderte, war das kleine Radio ein Segen, man war stets gut informiert. Für viele Seh-Leute and der Grenze waren diese Informationen so nicht erreichbar. Ich bin mir nicht sicher, wer zu erst anfing, glaube aber es ging zuerst auf ostberliner Seite los: Jedenfalls sah ich zuerst den kleinen VW-Bus vom SAS (Studio am Stacheldraht, in Verbindung mit dem RIAS?) an der Grenze zu Rosenthal. Auf diesen VW-Bussen waren jeweils fünf Druckkammer-Systeme angebracht worden. Eine leistungsstarke Verstärkeranlage und ein Mikrophon und Tonbandgeräte komplettierten die Fahrzeuge. Die - ich glaube es waren zehn Fahrzeuge - SAS-Wagen brachten der "anderen Seite" die Sicht der Dinge aus Westberliner Sicht akustisch nahe. Die Fahrzeuge zogen natürlich den Unmut der "Organe" auf sich. Tränengas, Nebelbomben, Steine, Abfall wurden gern von der anderen Mauerseite zu den Wagen geworfen. Ich habe auch gezogene und in Anschlag gebrachte Waffen gesehen. Wie dem auch sei, zumeist dauerte es nicht lange, dann tauchte auf ostberliner Seite ebenfalls ein Lautsprecherwagen auf, der Gegenparolen oder sowjetische Marschmusik verbreitete. Ich habe immer noch genau das Bild des im Kreis fahrenden Militärfahrzeuges vor Augen. Man ging wohl davon aus, daß beim Fahren mehr Boardspannung und damit mehr Leistung zur Verfügung stand. Oft ging die Lautsprecher-Schlacht unentschieden aus.

 

Um dieses "Untentschieden" zu beenden, brachte das SAS alsbald neue Fahrzeuge mit einem hoch ausfahrbaren Drehmast in Stellung. Oben auf dem Mast befand sich eine Druckkammer-Lautsprechergruppe aus acht Einzelsystemen mit jeweils (so glaube ich ich) drei Treibern. Mit diesen Fahrzeugen war schnell die "Lufthoheit" erreicht, der Lautsprecherkrieg ließ nach .....

 

Ich habe die neuen Lautsprecherwagen mit Hoch-Lautsprechern letztmalig am 26. Juni 1963 beim Besuch des amerikanischen Präsidenten J.F. Kennedy in Berlin gehört: Das Fahrzeug stand mit voll ausgefahrenen Mast am Hilfseingang des Tegler Flughafens. Ich selbst befand mich ca. 1,5 km südlich davon am Kurt-Schuhmacher-Damm. Meinen so geliebten Grundig Mini-Boy brauchte ich nicht, der Lautsprecherwagen war sauber und klar mit der RIAS-Rundfunkübertragung zu hören !

 

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RST 19.01.2010

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